Informationen aus der Welt der Vögel
| Klimawandel Der Kuckuck wird seltener Von Daniel Lingenhöhl | © ZEIT ONLINE 25.05.2009 Die kalte Jahreszeit ist auf dem Rückzug: Es wird früher mild und später kalt. Wo Tiere und Pflanzen nicht schnell genug reagieren, bleiben einige auf der Strecke. "Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald. Lasset uns singen, tanzen und springen. Frühling, Frühling wird es nun bald." Mit diesem Kinderlied begrüßte Hoffmann von Fallersleben einst den Einzug des Frühjahrs in deutschen Landen – symbolisiert doch die Rückkehr des Cuculus canorus aus der Ferne endgültig den Sieg des warmen Wetters über den kalten Winter. Doch der Ruf des Kuckucks schallt heute immer seltener aus mitteleuropäischen Wäldern und Fluren, denn die Zahl des Brutschmarotzers nimmt seit Jahren ab. Nicht nur die intensivierte Landwirtschaft raubt ihm Lebensraum und Nahrung, seit einiger Zeit hat er auch mit einem viel komplizierteren Problem zu kämpfen: Der Klimawandel wirbelt die Lebensrhythmen des Frühlingsboten und seiner Wirtsvögel durcheinander, wie eine Studie von Nicola Saino von der Universität Mailand und seinen Kollegen bestätigt. Bei mehr als 100 Vogelarten wendet der Kuckuck seine seit Jahrtausenden bewährte Strategie an: Er platziert sein Ei im fremden Gelege, und nach dem Schlüpfen schiebt das Küken die Konkurrenz der unfreiwilligen Gastgeber aus dem Nest, so dass es anschließend allein versorgt wird. Allerdings hält Cuculus canorus dafür offenbar einige Wirte, wie Rotkehlchen oder Rohrsänger, für besser geeignet als andere – und damit beginnen seine Schwierigkeiten. Denn auch wenn viele dieser Arten ebenfalls Zugvögel sein mögen, nicht alle verschlägt es wie den Kuckuck gleich bis nach Afrika. Sie überwintern allenfalls einige hundert Kilometer entfernt am Mittelmeer oder in wintermilden Gebieten Deutschlands, Frankreichs oder Großbritanniens. Wegen der steigenden Temperaturen und des zeitiger einsetzenden Frühlings verlagern beide ihre Heimkehr zunehmend nach vorne – allerdings in deutlich unterschiedlichem Maße: Die fernreisenden Kuckucke, Rohrsänger und Trauerschnäpper kehren lediglich rund sechs Tage früher zurück, die Kurzstreckenflieger wie Rotkehlchen, Heckenbraunelle oder Grasmücken dagegen um mehr als zwei Wochen. Sie orientieren sich stärker an den steigenden lokalen Temperaturen als die afrikanischen Überwinterer, deren Heimzug eher von – unveränderlichen – Tageslichtlängen oder der Mauser bestimmt wird. Trifft der Kuckuck hierzulande ein, befinden sich viele seiner Wirtsvögel bereits mitten im Brutgeschäft. Dem Schmarotzer bleibt kaum mehr, als seine eigenen Eier in die Nester seiner "afrikanischen" Schicksalsgenossen zu legen. Und dieses Terminchaos macht sich nach den Studien von Sainos Team schon bemerkbar. In vielen Regionen Europas nimmt die Zahl der Kuckucke ab – teilweise um bis zu 25 Prozent –, wobei der genaue Anteil des Klimawandels als Auslöser noch nicht ermittelt ist. Aussagekräftig ist allerdings, wie sehr sich der Brutparasitismus innerhalb der Arten verschoben hat: Bei den früh eintreffenden (oder sogar schon gar nicht mehr abreisenden) Wirtsvögeln hat sich die Zahl der betroffenen Nester halbiert, bei den aus Afrika eintreffenden Langstreckenziehern hat er sich dagegen teilweise mehr als verdoppelt. Sie seien nun überproportional betroffen, weil der Kuckuck auf sie ausweichen muss, sagt Saino – was auf Dauer für deren Zahl ebenfalls problematisch sein könnte. |
| Bedrohte Arten Singvögel unter Zugzwang Von Dagny Lüdemann | © ZEIT ONLINE 20.4.2009 Viele unserer heimischen Vögel überwintern südlich der Sahara. Der Klimawandel könnte ihre Heimreise verlängern. Durch Hitze und Trockenheit droht zudem Nahrungsmangel Wer jetzt im Frühling auf dem Balkon oder im Park eine kleine Gartengrasmücke beim Zwitschern beobachtet, kann sich kaum vorstellen, dass dieser winzige Singvogel gerade einen Flugmarathon von mehr als 10.000 Kilometern hinter sich hat. Der Körper eines solchen Vogels ist nicht größer als eine Computer-Maus – und dennoch zählt Sylvia Borin zu den Langstreckenziehern. Ihr Winterquartier liegt im Süden der Sahara in der afrikanischen Sahelzone. Zum Ende dieses Jahrhunderts werden einige Grasmücken-Arten auf dem Rückweg aus Afrika sogar noch 400 Kilometer weiter fliegen müssen. Das jedenfalls prognostizieren britische Forscher im Journal of Biogeography. Das Team um Stephen Willis von der Universität Durham simulierte die Veränderung der Brutgebiete durch den Klimawandel für 17 Grasmückenarten in einem Computermodell. Neun davon werden demnach zum Ende des 21. Jahrhunderts deutlich weiter nach Norden fliegen müssen. Denn während sich die europäischen Brutgebiete in Richtung Norden verschieben, bleiben die Winterquartiere in Zentral- und Südafrika nach Ansicht der Forscher in denselben Breitengraden. 400 Kilometer – das klingt wie ein Katzensprung im Verhältnis zu der gewaltigen Strecke, die die Vögel insgesamt zurücklegen. Doch gerade für die kleinen unter ihnen kann dieser verlängerte Endspurt fatal enden: In Anpassung an ihre besondere Lebensweise finden Zugvögel ein optimales Gleichgewicht aus Energiespeicher und körperlicher Fitness. Die Kraftreserven sind knapp bemessen: Geht etwas schief, verhungern sie auf der Reise. Die Vögel stimmen ihre Energiereserven genau auf die bevorstehende Etappe ab – zu vollgefressen sollten sie nicht an den Start gehen: Denn ähnlich wie ein Flugzeug, das umso mehr Treibstoff verbraucht je schwerer es ist, kostet jedes Gramm Körperfett die kleinen Singvögel zusätzlich Kraft. "Vor der großen Etappe über die Sahara, wo sie nicht zum Fressen Rast machen können, legen sich die Langstreckenzieher ein besonders großes Fettpolster an", sagt Ommo Hüppop, Leiter des Instituts für Vogelforschung und der Vogelwarte auf der Nordseeinsel Helgoland. Dort untersucht und beringt der Ornithologe seit Jahren Zugvögel, um herauszufinden, wann und in welchen Zustand sie in Europa ankommen. |